Mittwoch, Dezember 12, 2007

Das 2 Millionen-Studium

2 Millionen Minuten -- so lange dauert ein vierjähriges Studium. Das rechnet uns der Filmemacher Robert A. Compton in seinem Film "Two Million Minutes" vor. Die Flash-Animation zur Filmwebseite baut eine bedrohliche Kulisse auf: Indische und chinesische Studierende nutzen die zwei Millionen Minuten ihres Studiums deutlich mehr und umfassender als amerikanische Studierende. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis dieses Potential an Bildung der amerikanischen Vorherrschaft in den Naturwissenschaften, in den Ingenieurswissenschaften und in der Informatik die Ränge abläuft. Anbei: Wir Europäer kommen in dem Film gar nicht vor.

Wenn Sie mögen, hier der Trailer:



Ist es wirklich so schlimm? Heute hat die Bertelsmann-Stiftung die Ergebnisse einer Repräsentativbefragung vorgestellt: "Wer regiert die Welt?". Befragt wurden 8.999 Bürger aus Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Japan, Russland und den USA. Wie sie die internationale Rolle ihrer Länder sehen etc. Für das Jahr 2020 rechnen die Befragten mit einer gleichberechtigten Rolle Chinas als Weltmacht neben den USA. Mit deutlichem Abstand folgen fast gleichauf Russland, die EU, Japan und Indien.

China, Russland, Indien -- das sind keine Überraschungskandidaten. Wenn man in jüngster Zeit erlebt, wie sehr gut ausgebildete russische und indische Informatiker mit StartUps und mit Innovationen auf die Märkte drängen -- man kann ans Grübeln kommen.

Fazit? Work smarter, not harder?! Ja, immer doch, aber ich glaube -- ehrlich gesagt -- das wird nicht reichen, wenn wir dem Wettbewerb stand halten wollen. Ein guter Teil der Informatik-Ausbildung und des Könnens ist reines "Handwerk", so wie in vielen anderen Studiengängen auch. Da bekommt Übung und Erfahrung nur der, der etwas tut. Mit Smartheit allein wird niemand ein guter Pianist; mit viel Übung kommt man allerdings schon sehr weit.

Sonntag, Dezember 09, 2007

Googles Chart-API und seine Nachhaltigkeit

Am Nikolaustag hat Google das Web um ein weiteres API (Application Programming Interface) bereichert: das Chart-API. Der Gebrauch des APIs ist einfach und das Resultat schön anzusehen. Kein Wunder also, dass sich die Ankündigung des Chart-APIs wie ein Lauffeuer in der Bloggosphäre verbreitet. Mit einem einfachen HTTP-Request wie diesem als src-Attribut in einem img-Tag

http://chart.apis.google.com/chart?cht=p3&chd=s:Uf9a&chs=200x100&chl=A|B|C|D">

ergibt sich der folgende visuelle Effekt:



Das API scheint wirklich nützlich zu sein, wenngleich das Interface für Menschen wenig intuitiv ist. Insofern darf man gespannt sein auf die ersten Webseiten, die einem mit einer graphischen Oberfläche beim Erstellen solcher Charts helfen und ein einfaches Experimentieren mit den Parametervarianten ermöglichen. Das sollte mit ein wenig HTML-Code und JavaScript zu machen sein.

Solche APIs gehen in die richtige Richtung: Sie machen Web-Seiten rein beschreibend (deklarativ), die Kern-Information und damit die Semantik von Daten bleibt erhalten und sie verführen zum Gebrauch, da sie sinnvoll und nützlich sind. Es würde mich nicht wundern, wenn in Zukunft solche deklarativen Service-APIs, zusammen mit den sogenannten Microformaten und Meta-Daten (z.B. in Form von Tags) das Web mehr und besser um semantische Information bereichern als es die ganzen bisherigen Standardisierungsversuche des W3C zum semantischen Web geschafft haben. Zumindest dann, wenn Menschen bei der Erstellung von webfähigen Inhalten zur Anreicherung um semantische Informationen verleiten werden sollen.

Ein Problem jedoch bleibt beim Einsatz von APIs: Was, wenn der Google-Dienst einmal ausfällt oder nicht verfügbar ist (z.B. da man offline ist)? Dann durchziehen eine Webseite Informationslöcher. Was, wenn Google das API ändert ohne kompatibel zu früheren Versionen zu sein?

Es wird zunehmend wichtiger, sich mit der Problematik der Nachhaltigkeit (um den Begriff auch mal in so einem Kontext zu verwenden) von Web-Seiten auseinander zu setzen. Wie können Webseiten zuverlässig gerendert (d.h. vollständig visuell aufbereitet) werden, auch wenn die dazu benötigten Web-Dienste nicht jederzeit und immer zur Verfügung stehen? Ein Grundproblem aller verteilten, dezentralen Systeme. Dabei sind einfache Ein-/Ausgabedienste wie Googles Chart-API noch das geringste Problem.

Eine simple Möglichkeit besteht darin, ein einmal über das Chart-API angefordertes Bild abzuspeichern und als Alternative lokal oder auf einem Webserver vorzuhalten. Um diesen Vorgang im Hintergrund zu automatisieren, kann man etwa mit Erweiterungen zum Browser arbeiten oder einen Webserver diese Arbeit machen lassen. Mir fallen einige Lösungsstrategien dazu ein. Und das ist genau der wunde Punkt daran: Lösungsmöglichkeiten zur Nachhaltigkeit von Webseiten gibt es viele. Doch was hilft es, wenn es so viele Nachhaltigkeitslösungen wie Service-APIs gibt? Man wird sich in Zukunft mit offline-Techniken als nahtlose Fortsetzung des online-Zustandes befassen müssen -- und sich gleichzeitig um die Nachhaltigkeit der Darstellung deklarativer Informationen kümmern müssen. Dienste wie Google Gears sind dabei ein Teil möglicher, brauchbarer Lösungsansätze.

Donnerstag, Dezember 06, 2007

Körpersprache für Informatiker?

Dem Informatiker, besser: dem Hacker (dem "guten" wie dem "bösen"), hängt ein Vorurteil an: Wir sind Menschen, die bis tief in die Nacht vor unseren Maschinen hängen -- und tagsüber Räume notfalls abdunkeln. Wir beschallen uns via Kopfhörer mit Musik, um uns akustisch von der Welt zu isolieren. Wir tauchen für Stunden ab, sind nicht ansprechbar. Die totale Versenkung. Wir sind eins mit der Maschine, mit dem Programm, mit dem ByteCode. Das Programm bin ich, ich bin das Programm. Und zum Glück kann man zum Mittagessen um 2 Uhr morgens noch Pizza beim Pizza-Service bestellen.

Stimmt alles! ;-)

Nur sind wir deswegen noch lange keine sozialen Krüppel, die solche Videos benötigen, um das Verhalten unserer Mitmenschen zu disassemblieren und zu interpretieren.



Amüsiert frage ich mich, welche Berufsgruppe oder Menschengruppe solche Videos wirklich braucht -- die schon fast wieder gut sind, so schlecht wie sie sind.

[Video entdeckt im "Mixing Memory"-Blog: "Who Does This Remind You Of?" posted on: December 2, 2007 8:23 PM, by Chris.]

Dienstag, Dezember 04, 2007

Ein neuer Markt: Von Wissenschaftsblogs und Kunstgalerien

Liebe Wissenschaftsblogger,

das Web 2.0, dieses Mitmach-Web, ist ein Medium, das findige Unternehmen nach Marktpotenzialen ausloten. Wir Wissenschaftler bzw. Wissenschaftsjournalisten sind offenbar eine interessante Zielgruppe. Wir produzieren Content, der gefragt ist. Und dagegen ist überhaupt nichts zu sagen!

Aber ach, was red ich. Wollte ich Ihnen nicht eine Geschichte erzählen von einem Freund im Geiste, einem Künstler?

Da war ein Künstler, dessen Bilder einem Großgaleristen gefielen. So sagte der Galerist zu dem Künstler: "Ich will eine Künstler-Community aufbauen! Ich biete Dir meine Galerie zur Ausstellung Deiner Bilder an. Nicht allein, Deine Bilder zeige ich zusammen mit Werken anderer Künstler. Du wirst Deinen Wirkungskreis erhöhen und Du wirst weitere Künstler kennenlernen. Bist Du dabei? Übrigens, das Ganze kostet Dich nichts; ich leg' Dir noch ein paar Euro im Monat drauf."

Der Künstler freute sich. Dass zwischen den Bildern Werbeplakate hängen sollten, nahm der Künstler seufzend zur Kenntnis. Aber irgendwie muss ja auch der Großgalerist Geld bei der Sache verdienen können. Kunst und Kommerz -- das muss sich ja nicht ausschließen.

Dann kam der Vertrag vom Galeristen mit der Post. Da stand zum Beispiel, er solle doch nach Möglichkeit an jedem Werktag ein Bild malen. Wie das?! Er malte ein Bild im Monat, manchmal sogar zwei oder drei, wenn es sehr gut lief vier oder fünf -- aber Fließbandkreativität? Seltsam, das klang alles so anders als im Gespräch mit dem Galeristen. Der Künstler verstand nicht viel von Juristerei, also zog er einen Anwalt zu Rate. Und der sagte ihm: "Laß die Finger von dem Vertrag. Der Galerist erhält alle Rechte an deinen Bildern, sie gehören dir nicht mehr. Er darf deine Bilder sogar übermalen, wenn er Lust dazu hat. Und übrigens: Gegen Diebstahl und Vandalismus musst du deine Bilder selber versichern. Ich kenne keine Versicherung, die das für 'ein paar Euro' macht."

Da sprach der Künstler mit dem Galeristen. Der fiel ihm sogleich ins Wort: "Warum so ein Misstrauen, mein Lieber?! Du glaubst doch nicht, dass ich reich werde mit meiner Galerie. Die paar Werbeverträge! Und wer spricht denn von Zensur, wer hat dir denn diese Flausen in den Kopf gesetzt? Ich kann mir doch gar nicht die Mitarbeiter leisten, all die Bilder von dir und deinen Künstlerkollegen durchsehen zu lassen und sie zu 'korrigieren'. Was sollte ich für ein Interesse daran haben. Klar, wir werden mal einen Bildband mit den besten Werken von der Künstler-Community herausbringen. Aber das ist doch alles in Deinem Sinne, oder?"

Der Künstler unterschrieb den Vertrag nicht. Er war froh, sich einen Rechtsbeistand geholt zu haben. Und so malte er weiter: frei!

Sie sehen, ich blogge immer noch unter Google. Gebt auf Euch acht, liebe Wissenschaftsblogger. Freiheit kann man einem Künstler gleich auch in kleinen unabhängigen Galerien genießen. Oder in einem Wissenschafts-Cafe! Man sieht sich ;-)