Freitag, September 09, 2016

Mit Prof. Handke im Gespräch: Vom Workbook zum Inverted Classroom

Aus dem Netz in Handkes Büro


Es gibt diese schönen Momente, da führen soziale Medien zu sozialen Begegnungen im echten Leben. Ich twittere im Nachgang zur #BiDiWe16, ein Dialog mit Jürgen Handke ergibt sich, er schickt mir seine Telefonnummer, ich rufe sofort durch, wir verabreden uns. Drei Tage nach der #BiDiWe16 sitze ich bei Handke im Büro, das gleichzeitig sein beachtlich ausgestattetes Aufnahmestudio beherbergt. Es ist Freitagmorgen, 9. September 2016. Jürgen Handke ist mir kein Fremder. Ich habe zwei seiner ICM-Konferenzen besucht, auf der #BiDiWe16 in Berlin hielt er die Keynote. Er hat für seine Lehre Preise erhalten, zuletzt 2015 den Ars Legendi-Preis für exzellente Hochschullehre.

Zugegeben, ich hadere mit dem Konzept des Inverted Classroom -- auch Flipped Classroom genannt. Meine Erfahrungen mit der Programmierausbildung von Informatik-Studierenden des 1. und 2. Semesters lassen mich zweifeln. Videos habe ich auch schon produziert, aber vor allem das selbstgesteuerte Lernen, die Vorbereitung der Studierenden _vor_ dem Präsenztermin, vor der Übung oder dem Praktikum, das will so gar nicht funktionieren.

Insofern bin ich froh und dankbar, dass Jürgen Handke heute Zeit für meine Fragen hat. Und schon in den ersten Minuten wird mit etwas sehr klar ...

Zuvor jedoch der Hinweis, dass ich nachfolgend auf eine Darstellung in Frage/Antwort-Form verzichte. Das würde dem Gespräch nicht gerecht werden. Ich will ihm auch nicht Worte unterschieben, dass er dies oder das gesagt habe. Ich versuche aus meiner Perspektive darzustellen, wie ich sein Konzept verstanden habe -- und ich lenke den Fokus auf das, was mir wichtig ist.

Inverted/Flipped Classroom als Methode


Formal kann man die Idee des Inverted Classroom abtrennen von Lehrinhalten und von den verwendeten Medienformen -- mit diesem Konsens begann unser Gespräch. Es ist eine Methode, die die Aufnahme von Wissen als vorbereitenden Anteil von den Studierenden einfordert. Die Präzenszeit mit den Lehrenden bleibt dann dem Einüben von Kompetenzen im weitesten Sinne vorbehalten. In der Präsenzzeit nimmt sich der Lehrende zurück, seine Rolle ist die eines Lernbegleiters. Damit scheiden frontale Formen in Übungseinheiten weitgehend aus, es wird auf kollaborative Formen gesetzt, der Studierende soll selber machen, denken, herausfinden, diskutieren, ausprobieren, aus Fehlern lernen, Erfolge habe. All das kann man mit Videos oder Büchern machen. Mit digitalen Plattformen oder Papier.

Der Ausgangspunkt: Das Workbook


Handke (er ist Anglistik-Professor) zeigt mir ein Workbook aus den Anfangstagen des Inverted Classrooms. Und schlagartig wird mir klar, dass ich sein Inverted Classroom bislang nicht verstanden habe, weil ich nicht gesehen hatte, welchen Aufwand und welches didaktische Bemühen er in diese Papierform seines Kurses gesteckt hat. Videos zur Vorbereitung, Lerncoaching im Classroom -- so einfach ist es nicht. Ein Workbook enthält den ganzen Stoff eines Kurses, eines Moduls; es enthält so viele Kapitel, Lerneinheiten, wie das Semester Vorlesungswochen hat. Die Lerneinheiten beginnen mit den Lernzielen. Der Lernstoff ist durchsetzt mit vielen kleineren Übungen, die dazu dienen das Gelesene zu verarbeiten, zu reflektieren, Wissen zu festigen. Dazu kommen zahlreiche Verweise auf Texte, Videos, Hörbeispiele. Eine Lerneinheit wird abgeschlossen von einem Satz an Aufgaben, "normale" Textaufgaben mit freiem Antwortteil. Die Aufgaben sind anspruchvoller und beziehen sich auf die Lerneinheit als Ganzes.

Schaut man sich so ein Workbook an, so ist da nichts an Stoffausdünnung zugunsten eines didaktischen Vorgehens zu sehen. Ein Credo der Didaktik ist ja immer wieder: eher weniger, denn zuviel an Stoff; eher Konzepte als denn Wissen. Nein, Handke mutet seinen Studierenden durchaus etwas zu! Kein Weichspülgang.

Das Workbook nimmt sich ernst


Wenn man so möchte, so liegt der methodische Ansatz des Inverted Classroom darin begründet, dass man die Funktion eines solchen Workbooks ernst nimmt: So vorzüglich aufbereiteten Lernstoff braucht man nicht im Hörsaal "vorzulesen". Lesen, Wissen erarbeiten, Aufgaben und Tests dazu machen, das kann jeder Studierende daheim tun. Also macht man in der Präsenzzeit das, was bleibt: die schwierigeren Aufgaben bearbeiten und besprechen, die den Stoff operationalisieren, in Zusammenhang stellen, erlernte Techniken einüben lassen usw.

Das Workbook wird digital und multimedial


Was Handke nun gemacht hat, ist, sich von dem Workbook in Papierform zu trennen und sich der Webtechnologie zu bedienen. Die äußere Organisationsstruktur der Lerneinheiten bleibt, doch der Inhalt des Workbooks wird deserialisiert und in eine verlinkte Textform überführt -- das Workbook wird zum Hypertext. Die Verweise auf Videos, Texte etc. werden zu eingebetteten Elementen, sie werden zum Content -- und beginnen das nun digitalisierte Workbook vollkommen zu verändern. Videos, Hörbeispiele etc. ergänzen nicht nur Inhalte, sie können selber Inhaltsträger sein. Aus dem Papiertext ist ein multimediales Dokument geworden.

Das Workbook wird interaktiv


Einmal im Web angekommen, ist es auch konsequent, das multimedial-digitale Workbook um interaktive Elemente anzureichern. Tests, Quizzes zur Wissensfestigung und -überprüfung im Verlauf einer Lerneinheit werden elektronisch integriert. Der Lernende bekommt sofort Rückmeldung. Und auch die Aufgaben, die eine Lerneinheit abschließen, sind nun webbasiert. Multiple Choice und was auch immer an elektronischer Wissensüberprüfung der Lerneinheit geeignet ist, kommt zum Einsatz. An dieser Stelle setzt Handke einen Abgriffspunkt: Sobald ein Studierender mindestens 60% der Aufgaben korrekt beantwortet, wandert diese Information in eine Datenbank.

Was bleibt: Kompetenztraining


Handke weiß also sehr genau, ob und wie gut seine Studierenden vorbereitet sind, wenn sie bei ihm in die Präsenzveranstaltung kommen. Und da gibt es kein Pardon. Jetzt geht es um Kompetenzbildung. Wissen wird mitgebracht -- und wer das nicht tut, bekommt die Konsequenzen rasch zu spüren. Die Studierenden haben die Aufgaben für den Präsenztermin vorzeitig bekommen; wer mochte, konnte sich darauf vorbereiten. In der Veranstaltung wird nun an den "schwierigen" Aufgaben gerarbeitet, den Aufgaben jenseits reinen Wissens. Manchmal eröffnet Handke die Veranstaltung mit Fragen, zu denen die Studierenden die Antworten mit Hilfe eines Audience Response Systems geben. Der Dialog, die Reflexion beginnt. Und am Ende wird es zu den Aufgaben sogar Musterlösungen geben.

Handke zeigt mir den Entwurf eines Artikels. Darin schreibt er, wie die Anwesenheit in der Präsenzphase deutlich mit dem Können von Kompetenzaufgaben korreliert. Wer die Gelegenheit nicht wahrnimmt, in die Übung zu kommen (es herrscht bei ihm keine Anwesenheitspflicht), der wird bei den "schwierigen" Aufgaben schlechter abschneiden. Bei reinen Wissensabfragen spielt die Anwesenheit kaum eine Rolle. Kurzum: Wissen kann man sich leicht und jederzeit reinpfeifen. Das Können, das Beherrschen eines Stoffs, Aufgabenstellungen lösen zu können, dazu braucht unser Gehirn Zeit, das muss sich setzen, verdrahten, Verhaltensänderung bewirken.

Lernt, wie es euch womit beliebt


So sehr Handke seinen Studierenden ernsthaftes Lernen abverlangt, was den Gebrauch digitaler Geräte betrifft, da treibt er sie mit seiner selbst entwickelten Lernplattform geradezu hin. Sollen sie doch per Smartphone, Tablett, Laptop nachgucken, nachlesen, Videos schauen was das Zeug hält. Schadet's, wenn so gelernt wird? Früher stellte Handke den Studierenden außerdem Austauschplattformen zur Verfügung: ein Diskussionsforum, ein Feedback-System, Chats, Wikis -- hat alles nicht funktioniert. Die Studierenden nutzen ihre eigenen Plattformen zur Kommunikation, dort sind sie bereits vernetzt: Facebook, WhatsApp und wie sie alle heißen. Und dort wo die Studierenden sind, folgt Ihnen Handke und sein Team: auf Facebook.

Auch will er keinem Studierenden vorschreiben, welchen Lernweg er oder sie zu nehmen hat. Gerade die digitale Form, die Inhaltsreplikation und -verweise auf mehreren Ebenen erlaubt, scheint von Vorteil zu sein. Aus Umfragen weiß er, dass manche Studierende fast ausschließlich mit den Videos lernen. Andere lernen fast ausschließlich über Texte -- das Workbook gibt es noch als eBook im epub2-Format. Manche orientieren sich an den Leitfragen, andere nicht. Handke erhebt Daten zu Forschungszwecken, er beginnt das digitale Lernen zu verstehen.

Und was ist mit der Klausur, der Abschlußprüfung? Da betritt Handke gerade Neuland. Auch die möchte er den Studierenden komplett am Rechner zu machen erlauben, rein mit Kompetenztests. Ein Experiment, ein Wagnis, von dem er noch nicht so recht weiß, wie es klappen wird.

Mein Resümee


Mir hilft sich in Erinnerung zu rufen, wo Handkes Ausgangspunkt liegt: bei ausgezeichnet aufbereiteten Lern-Materialien. Ohne Lernziele, Stoffinhalte (woher sie auch immer stammen mögen, Stichwort OER), Tests, Aufgaben wird es nichts mit dem Invertieren oder Flippen des Classrooms. Mit dieser Grundlage ist es konsequent, die Präsenzzeit mit den Studierenden für das Kompetenztraining zu verwenden. Die Digitalisierung? Na, wer kann, sollte es tun. Für Handke ist das vermutlich weniger trennbar als für mich, für ihn scheint der Eintritt ins Web, das Digitale entscheidend und transformierend zu sein.

Also: Zurück an den Schreibtisch, Handke zum Vorbild, sich wieder einmal an die Lernziele machen, Material zusammenstellen, Tests, Aufgaben überlegen. Der Rest wird sich finden.

Vielen Dank für das Gespräch und die Zeit, lieber Herr Handke!

Mittwoch, September 07, 2016

Fachtagung #BiDiWe16: Was war das Ziel?

Dienstag, 6. September 2016, ich bin in Berlin im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages. Die SPD hat zu einer Fachtagung geladen: Bildung in einer digitalisierten Welt, Twitter-Hashtag #BiDiWe16. Der Besuch ist frei, jeder kann teilnehmen, man musste sich lediglich vorher anmelden. Man konnte sich gar um die Durchführung eines Workshops bewerben.

Drüben, keine 200 Meter weiter im Reichstag läuft die Haushaltsdebatte; das Paul-Löbe-Haus und der Reichstag sind unterirdisch miteinander verbunden. Am Abend wird der Spiegel einen kleinen Videoauszug aus dem Plenarsaal bringen, wie Bundestagspräsident Lammert Kanzlerin Merkel rügt. Es sind diese absurden, vollkommen unwichtigen Momente, die mediale Aufmerksamkeit genießen. Ein Schlaglicht, wie schwierig es für die Politik ist, sich auf Sachthemen zu fokussieren.

Eine Tagung in den Grenzen der Zeit


Warum bin ich hier? Das Thema Bildung und Digitalisierung interessiert mich als Hochschullehrer. Aber das ist der vordergründige Anlass. Ich bin hier nicht zum Netzwerken, ich habe keine hohen Erwartungen. Ich will -- das ist mein Grund -- erleben und verstehen, wie politische Meinungsbildungsprozesse funktionieren. Die Tagung wird von Bundestagsabgeordneten der SPD-Fraktion durchgeführt, Organisatorin ist Saskia Esken. 300 Teilnehmer sollen gekommen sein, habe ich irgendwo gehört. Es ist bemerkenswert voll.

Sören Bartol begrüßt kurz, er liest eine Rede ab, spricht von der "Demokratisierung der Bildung", was mich aufhorchen lässt. Was damit wohl gemeint ist? Staatssekretär Loßack ringt in seiner Rede mit der Kürze der ihm gegebenen Zeit, den Titel seines Vortrags gänzlich ignorierend. Wir erfahren etwas über ein Entwurfspapier für die Konferenz der Kultusministerien. Prof. Handke aus Marburg übernimmt, fordert von der Lehre, die nächste Stufe der Digitalisierung im Hörsaal zu nehmen (von der Anreicherung zur Integration), und er identifiziert als Treiber die Studierenden. Ich würde ihm zwar in dem einen oder anderen Punkt widersprechen (ach, ich glaube, ich müsste mich mal direkt mit ihm unterhalten, Handke denkt sicher weniger plakativ als er der Pointierung wegen spricht), aber er ist engagiert, er brennt für digitale Lehre, er hat eine Botschaft. Das ist gut! Insgeheim wünschte ich mir, er hätte ernst gemacht und die Keynote geflippt -- das hatte sich in der Ankündigung des Programms als Möglichkeit angedeutet.

Dann die Workshops. Ich besuche Workshop 6: "Offen für alle? Das neue Selbstverständnis der Hochschule". Hätte ich nicht den Podcast der drei Referenten im Vorfeld gehört, mir wäre einiges unverständlich geblieben. Simone Raatz moderiert, das Zeitregiment ist streng. Unter diesem Druck bricht sich die Trivialisierung Bahn. Die Frage "Was ist eine offene Hochschule?" wird in den Raum gestellt und zur Diskussion frei gegeben. Man traut sich, man äußert sich. Meinungen. Ansichten. Eine wirkliche Diskussion ist das nicht, ein Dialog schon gar nicht. Und ich frage mich zum ersten Mal, was diese Tagung überhaupt bewirken und erreichen will. Wir eilen zur nächsten Frage. Ich wage gar nichts mehr beizutragen. Wäre auch nur eine Ansicht unter vielen. Die Zeit drängt -- und schon ist es vorbei.

Man kommt im Forum wieder zusammen. Dr. Wiarda moderiert, er gibt sein Bestes. Die Ergebnisse werden im Sinne eines "Elevator Pitchs" zusammengetragen. Ich bin ratlos, was ich mit diesen Fragmenten, diesen Gedanken in Gärung anfangen soll. Das Publikum darf sich mit kurzen Beiträgen beteiligen. Es wird teils emotional, das Thema bewegt, aber es sind wieder Meinungssplitter, die den einen oder anderen treffen oder in Deckung gehen lassen. Wiarda gelingt es, charmant Anküpfungspunkte, Beziehungen herzustellen. Doch die Zeit drängt, wir müssen zum Schluß kommen.

Saskia Esken, die Organisatorin, und Hubertus Heil, Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion, machen den Abschluß. Auf die Frage, was sie denn von dem Tage mitnehme, antwortet Esken: Man habe Menschen zusammengeführt, Erwachsenenbildung sei ihr im Fokus. Ich selber wüsste auch nicht viel mitnehmendes zu sagen. Heil, ganz Politikprofi, formuliert Forderungen und den Wunsch einer eintätigen 2/3-Mehrheit im Bundestag. Eine Reform des Urheberrechts, Aufwertung der Lehre an den Hochschulen -- ja, gut, aber das sind nicht wirklich Ergebnisse der Tagung, das bewegt ihn schon länger.

Ende. 16 Uhr, die Tagung ist vorbei.

Was habe ich gelernt über Meinungsbildungsprozesse?


Was habe ich über politische Meinungsbildungsprozesse gelernt? Erschreckend wenig. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass diese Veranstaltung gar nicht zum Ziel hatte, Meinungsbildungsprozesse voran zu treiben. Dazu blieb gar nicht die Zeit. Ich kann mir im Nachgang nicht einmal plausibel erklären, was die Zielsetzung dieser Tagung gewesen sein soll. Wollten sich SPD-Abgeordnete neue Impulse holen? Dieser Steinbruch, diese Fragmente, die Kürze -- das Format war dazu nicht geeignet. Ging es um Inhalte, um Erkenntnisgewinn? In diesem engen Zeitkorsett, das kaum mehr als das Ansprechen von Themen erlaubte, wohl kaum. Sollten sich die Teilnehmer vernetzen? Dazu war die Tagung eine sehr gute Gelegenheit. Aber was, frage ich mich, hat die SPD davon? Ging es um Dialog? Welcher Dialog, Dialog mit wem?, muss ich zurückfragen.

Will Politik gesellschaftliche Interessensgruppen zusammenbringen? Wann hat sie ein Interesse daran, wann nicht? Wie arbeitet Politik? Ist es das Aggregieren, Filtern, Auswählen, Abtesten und Ausloten von tragfähigen Stimmungen, Meinungsbildern in der Gesellschaft? Oder will Politik aus einer durchaus sich verändernden normativen Grundlage heraus nachdenken, entscheiden, vorgeben, Reibungspunkte liefern? Wahrscheinlich ist politisches Handeln ein Mix aus alledem -- und sicher kommen noch viele andere Ansätze dazu. Doch ich kann die Fachtagung der SPD in diesem Mix nicht einordnen und verankern.

Vielleicht mag mir jemand im Nachgang erklären, in welcher Zielsetzung sich die Veranstaltung verorten lässt.

Beeindruckt hat mich diese Präzision im Umgang mit der Zeit. Unsere Politiker scheinen meisterhaft darin zu sein, diese knappe Ressource wohlfeil auf- und einzuteilen. Und man zielt auf Ergebnisse. Aber der Zeitplan an sich ließ keine Freiräume, um auf dieser Tagung wenig mehr geschehen zu lassen als sich zu sehen, sich kennenzulernen, Kontakte herzustellen. Und die Ergebnisse mussten angesichts des Format mager bleiben.

Geld ist nicht alles, man könnte Experimente wagen


Ich weiß nicht mehr, welcher Abgeordnete es sagte: Man könne die Sachen nicht selber tun, es ginge um die Vergabe und Lenkung von Geldmitteln, damit könne die Politik etwas in der Welt geschehen lassen. Das sollte ich mir merken! Und natürlich hat die Politik etablierte Prozesse, um Geldmittelvergabe zu reflektieren. Und vielleicht ist die gestrige Veranstaltung Teil dieser Reflektion. Und sie musste in der Kürze so sein und so professionell organisiert werden. Weil Politik eben so arbeitet.

Aber ich hätte es auch spannend gefunden, wenn die SPD experimentiert hätte mit den Mitteln und Werkzeugen, mit denen sich die Bildung -- wie übrigens auch die Wirtschaft -- in einer digitalisierten Welt konfrontiert sieht. Denn es geht deutlich mehr, als eine Twitterwall zu installieren. Wie wäre es, hätte man die Workshops ebenso wie die Keynotes radikal geflippt? Alle Teilnehmenden hätten sich vorbereiten müssen, was vielleicht ein Gewinn gewesen wäre. Wir hätten erlebt und erfahren können, wie ein gemeinsamer Lernprozess im Ringen um Erkenntnisse zur Bildung in einer digitalisierten Welt funktionieren könnte -- oder eben auch scheitert. Spannend wäre auch eine Vernetzung der Teilnehmer *vor* der Tagung gewesen. Man hätte Themen und Ansichten erarbeiten und auf der Tagung finalisieren können. Was wäre mit einem Barcamp-Format gewesen? Politik kann sicher mehr als Gelder verteilen, sie kann selber auch im Rahmen parteilicher Arbeit solche Experimente wagen und aus ihrem Alltag politischer Arbeitstechniken ausbrechen.

Und so will ich wenigstens das tun, was in einer digitalisierten Welt immer möglich ist: mit diesem Blogbeitrag als potenzieller Teilnehmer für einen Dialog bereit zu stehen.

Montag, November 09, 2015

Was der Inverted bzw. Flipped Classroom als Chance verpasst!

Vor gut einem Jahr schrieb ich "Was mich am Inverted Classroom bzw. Flipped Classroom nervt" (22. Nov. 2014). Ich weiß bis heute mit der Methode nicht so richtig etwas anzufangen. Ich verstehe zwar die Motivation und die Beweggründe dahinter, aber wenn ich die teils sehr aufwendig und mit viel Engagement und Liebe produzierten Videos von Kollegen sehe, weiß ich: das ist nicht mein Ding. Aber warum? Was schreckt mich daran ab? Der Aufwand? Die mir fehlende Lehrkonzeption?

Nun habe ich aus einer Laune heraus Ende Oktober damit begonnen, Videos begleitend zu meiner Programmier-Veranstaltung zu produzieren. Es macht riesigen Spaß. Ich begann darüber nachzudenken, was ich da treibe und wo es mit den Lehr-Videos hingehen soll. Die tausendste Auflage von "Ich erklär Dir die Programmiersprache XYZ im Details" kann es ja nicht sein. Mir ist klar geworden, dass es Videos werden sollen, die Lernbegleiter sind. Die von der Gestaltung eben kein Screencast einer Vorlesung sind. Dazu entstand der folgende Beitrag: "Kritik zu Videos in der Digitalen Lehre: Massenabfertigung statt Lernbegleitung".

Mit den Gedanken aus dem erwähnten Beitrag kann ich besser ausdrücken, was mir am Flipped bzw. Inverted Classroom so wenig gefällt: Dann musst Du nämlich Videos zu allem machen, vom ganzen Lehrstoff. Du machst aus Deiner Vorlesung Videos in Masse für die Masse. Du veränderst die grundlegende Situation nicht, Du nutzt das Video nicht als Gestaltungsmittel einer Beziehungsform zum Lernen.

Als Massenkommunikation verpasst man mit Lehrvideos beim Modell des Inverted Classroom eine Chance. Als Lernbegleitung macht es für mich Sinn!

Andere suchen ebenfalls nach Wegen, dem Inverted Classroom Gestalt zu geben und das Videoformat entsprechend anzupassen, so deutlich z.B. am damaligen Kommentar von Christian Spannagel.

Kritik zu Videos in der Digitalen Lehre: Massenabfertigung statt Lernbegleitung

Der Witz an Lehrvideos ist: Dieses Mittel skaliert dann, wenn das Video die Einzelansprache schafft, so, als ob Du mit dem Lernenden oder einer Lerngruppe an einem Tisch säßest. Du nimmst sie oder ihn ernst. Du erklärst einfach, verständlich, anschaulich, mit den Mitteln des Alltags. Du nutzt Metaphern, Bilder, Analogien, Geschichten. Du hast Beispiele, zeigst, wie es geht. Du entkomplizierst ohne zu trivialisieren. Du lässt dem Verständnis zuliebe auch mal fünfe gerade sein. Es zählt nicht Perfektionismus, sondern Dein Engagement, auf Dein Gegenüber einzugehen. Du improvisierst im Spielraum der privaten Atmosphäre. In dieser Ansprache skaliert Dein Video in seiner Funktion als Lehrmittel für viele. Weil es für den Einzelnen gemacht ist.

Screencasts unterscheiden sich oftmals kaum von Vorlesungen oder Powerpoint-Vorträgen: Sie sind als Kommunikation für und mit der Masse konzeptioniert und nicht als individuelle Ansprache. Ein Vortrag für ein größeres Publikum will etwas ganz anderes erreichen, setzt ganz andere Stilmittel ein, als eine Lehr-/Lernsituationen unter zwei, drei, vier Menschen. Die Aufzeichnung einer Vorlesung verändert den Charakter des Massenunterrichts nicht; es bleibt lediglich die "Wiederholungstaste", das Vorgetragene wieder und wieder abspulen zu können.

Insbesondere in der Vorlesung will der/die Vortragende ein Fachgebiet systematisch und umfassend abdecken. Wissen, Konzepte, Verfahren, Methoden, usw., all das soll vorgestellt und dargelegt werden. Die Vorlesung unterscheidet sich in diesem Anspruch kaum von einem Lehrbuch -- und sie hat ihre Berechtigung, ihre Aufgabe und ihren Zweck ebenso wie das Buch. Systematik und umfassende Darstellungen werden gebraucht. Sie bilden Fundamente. Sie bieten Orientierung. Sie sind Wissensschatz. In dem Sinne sind Bücher wohl bis heute die besseren Videos und in vielen Fällen wohl auch das geeignetere Medium. Man kann darin nachschlagen, eine Übersicht gewinnen, hat plastisch einen Umfang des Stoffs vor Augen, man kann sich durcharbeiten.

Doch was ist das Charakteristikum des Lernens? Wann setzt Lernen ein? Oftmals eröffnet sich der Lernprozess mit der Frage: "Das hier habe ich nicht verstanden. Können Sie mir das noch einmal erklären?" In diesem Moment wird lernen individuell. Es bezieht sich episodenhaft auf einen Auszug. Es sucht selten das Verständnis des großen Ganzen, das steht ja im Buch. Es ist die eine Frage, es ist das Ringen mit und um etwas. Es ist das Problem, etwas anwendbar zu machen, damit eine konkrete Aufgabe zu lösen. Es ist die Ratlosigkeit oder einfach nur die Unsicherheit "Habe ich das richtig verstanden?"

Die Bitte, noch einmal etwas zu erklären, ist immer eine individuelle, auch wenn sie von jedem einzelnen Lernenden gestellt wird. Im Dialog mit dem Einzelnen wird Aufmerksamkeit gebunden, werden kognitive Ressourcen eingefordert und freigesetzt. Jetzt beackern wir gemeinsam ein Problem. Ich erkläre es Dir. Vielleicht nicht perfekt, vielleicht treffe ich nicht wirklich Deinen Punkt, aber ich bin bei Dir, ich beschäftige mich mit Dir, wir treten in einen Dialog ein.

Ein Lehrer, eine Lehrerin weiß, dass er oder sie etwas tausendmal erklären muss. Manchmal jedem Schüler, jeder Schülerin. Und das Jahr für Jahr oder gar Semester für Semester. Immer wieder. Das ist ermüdend, aber es funktioniert ja eben nicht, sich vor die Klasse oder im Hörsaal vor die Studierenden zu stellen und zu sagen: "Ich erkläre es euch jetzt allen gemeinsam -- dann spare ich mir, es jedem einzeln beizubringen." In dem Moment ist es Massenkommunikation geworden. Das ist möglicherweise für einen Teil des Unterrichts oder der Lehre vertretbar, durchaus auch in Form eines Videos (oder eben Buchs). Aber just im Wechsel zur Massenkommunikation, der Darstellung für alle, entsteht der Bruch, der es riskiert am Lernenden vorbei zu zielen. Lernen ist individuell. Nur weil man etwas massentauglich gesagt und erklärt hat, ist es noch lange nicht individuell verstanden und erst recht noch nicht erlernt. Der Einsatz von Audience Response Systemen soll das Risiko des "Missverständnisses" während der Lehrsituation mindern, aber es bleibt ein Dialog mit der Masse.

Das Lehr-/Lernvideo hat die einzigartige Chance, die Verbindlichkeit und Ansprache des Einzelnen zwar filmisch zu inszenieren -- oder sagen wir besser: zu imitieren --, aber sie gestaltet damit eine Lernbühne, die gezielt die Situation "Wir zwei am Küchentisch, ich erklär Dir mal was" entwirft und sich damit aus der Kommunikation mit Masse löst. Jetzt entsteht die Chance, gemeinsam etwas zu erreichen. Das mag um Quizzes angereichert sein oder die Gamifikation als Antriebsmotor nutzen. Entscheidend ist, den Lernenden aus der Masse zu lösen, sie oder ihn anzusprechen und "im Einzelgespräch" dort abzuholen, wo er oder sie um Erkenntnis ringt. Diese Form des Lehr-/Lernvideos ist spontan, unsystematisch, vielfältig, spannend, unerwartet, improvisierend, privat, unperfekt angelegt; manchmal auch zäh, ausdauernd und hartnäckig in der Wegstrecke eines kompliziertes Sachverhalts, der den Lernenden herausfordert und an seine Grenzen führt.

Lernen ist nicht immer spaßig, nicht immer leicht -- aber immer individuell. An dieser Stelle sollte digitale Lehre meiner Meinung nach ansetzen. Ich bin weit davon entfernt, diese formulierten Ansprüche selbst einzulösen. Wer mag, darf sich jedoch in meinem Experimentallabor umschauen, in dem die ersten Videos entstehen, die einen Weg zu dieser Gestaltungsform von Videos als Lernbegleiter suchen: https://www.youtube.com/user/dherzb/videos



Dienstag, Juni 23, 2015

Wie man Software baut: Mach’s einfach!

Mach Dein Projekt in jeder Hinsicht simpel: Verzichte auf eine Datenbank, wenn es eine Text-Datei auch tut. Verzichte auf eine graphische Oberfläche, wenn es eine Kommandozeile tut. Verzichte auf einen Interpreter, wenn es ein Generator tut (oder umgekehrt, wenn der Interpreter die einfachere Lösung ist). Verzichte auf Nebenläufigkeit und Parallelisierung, wenn Geschwindigkeit unproblematisch ist. Verzichte auf Vorwegnahme gemutmaßter Instabilitäten der verwendeten Infrastruktur, wenn es einfache Alternativen gibt, wie das Neustarten einer Anwendung (z.B. in der Nacht). Verzichte auf Eigenlösungen, wenn es bewährte Frameworks oder Bibliotheken gibt. Verzichte auf umfangreiche Fehlerbehandlungen, wenn es einfache Asserts ebenso tun. Ignoriere parallele Dateizugriffe, wenn es kaum konkurrierende Zugriffe gibt und es eine temporäre Zugriffssperre (“Lock”) ebenso tut.

Aber: Verzichte niemals auf eine möglichst einfache, elegante und flexible Umsetzung der geforderten Kernfunktionalität. Stecke dort Deine Arbeit rein! Mach’s einfach.

Warum dieser radikale Ansatz des Verzichts, des Strebens nach dem Naheliegenden, dem Einfachen, dem Schlichten, dem Funktionierenden? Erstens, die Liste dessen, was man so alles tun könnte, ist beliebig erweiterbar. Jeder der Verzichtspunkte stellt eine Anforderung dar, die zu erfüllen jeweils technisch anspruchsvoll ist, das eigentliche Problem, die Kernfunktionalität, aber nicht voran bringt. Diese “Nebenanforderungen” stehen einem beim Lösen des Problems im Weg. Zweitens wird man frühestens mit dem ersten Produkt-Release (oder auch Prototypen) die wirklichen Probleme kennenlernen und verstehen und zu bewerten wissen. Dann kann man darüber nachdenken, ob eine Datenbank, Parallelisierung, Stabilität, Fehlerbehandlung usw. relevant, wichtig und wertschöpfend sind.

Und dann schreibt man, falls notwendig (was meist tatsächlich der Fall ist), das Programm noch einmal neu. Dann implementiert man die geforderte Kernfunktionalität wieder einfach, elegant und flexibel, was dann eine Datenbank, eine graphische Oberfläche, Parallelisierung usw. einschließt. Dann wird alles gut. Dann kommt die Programmevolution in Gang.

Zwei Beispiele:

Wer würde, wollte er oder sie eine neue Programmiersprache entwickeln, mit der IDE anfangen und von der Oberfläche ausgehend die entsprechenden Funktionalitäten entwickeln? Absurd, oder? Java (oder andere Sprachen) beginnen mit Einzelwerkzeugen, wie dem Compiler, einem Dokumentations-Generator, einem Debugger, einer Ausführungsumgebung, einem Build-Tool, einem Editor. Eine IDE bringt diese Werkzeuge unter einer Oberfläche nicht nur zusammen, sondern integriert sie in ein Zusammenspiel, das die einzelnen Werkzeuge transparent macht. Mittlerweile kann man sich Gedanken machen, wie eine IDE nicht nur das Programmieren verändert, sondern sogar eine Programmiersprache prägen könnte (siehe z.B. Greenfoot).

Der Idee des Nachrichtendienstes Twitter ist so einfach, dass jede Informatik-Studentin und jeder Informatik-Student gegen Ende des Studiums einen solchen Nachrichtendienst programmieren kann. Ohne Datenbank. Sogar ohne GUI geht es. Nicht skalierbar. Das ist ein Wochenend-Projekt, so trivial einfach ist die Kernfunktionalität von Twitter. Und dann kann man daraus die Verteiltheit, die Echtzeit-Aspekte, die Skalierbarkeit, Robustheit usw. entwickeln. Kaum anders hat es Twitter gemacht. Die Architektur entstand über Jahre, entwickelte sich fort. Das Twitter von heute ist mit dem Twitter der ersten Jahre gar nicht mehr zu vergleichen. Hätte Twitter versucht, die heutige Twitter-Architektur schon 2006 so zu entwickeln, der Nachrichtendienst wäre vor lauter “Nebenanforderungen” nie erschienen.


Das Einfache, Unkomplizierte, Naheliegende lässt uns anfangen, einen Start finden und strapaziert die kognitiven Ressourcen nicht über. Wer zu viele Entscheidungen treffen muss, wer zu viele Verflechtungen berücksichtigen muss, wer Mühe hat in der Kompliziertheit einer Lösung einen Planungsansatz zu finden, der wird den Start scheuen, prokrastinieren und, ist ein Anfang gemacht, sich immer wieder neu auf den Kern des Vorhabens fokussieren müssen. Das strengt unnötig an.

Mittwoch, Mai 27, 2015

Die Anerkennungsfalle

In einem Unternehmen, in der Hochschule, in der Forschung, überall zählen Resultate. Die Wirtschaft ist resultatorientiert, und die Bildung ist es. Wenn die Resultate stimmen, dann ist es egal, wann und wo man die Resultate erzielt hat. Dafür hat sich sogar ein Begriff herausgeprägt, das Results-Only Work Environment (ROWE). So radikal ernst kann man das mit den Resultaten nehmen.

So verbuchen wir für jeden Menschen, mit welchem Zeitaufwand er oder sie ein Resultat erzielt. Hat er, hat sie viel oder wenig Zeit für das Resultat aufgewendet? So lässt sich jede Person auf der Kurve im folgenden Diagramm verorten.


Einen High-Performer zeichnen Resultate bei wenig Zeitaufwand aus. Ein Low-Performer benötigt dagegen viel Zeit, sehr viel Zeit für wenig an Resultaten.

So weit, so gut. Was passiert nun, wenn ein Arbeitnehmer vor seinem Chef oder ein Studierender vor seinem Dozenten steht? Menschen suchen Anerkennung, sie fordern sie teils sogar ein.

So wird der High-Performer unzweifelhaft Anerkennung wünschen für seine Effizienz.

Effizienz = Resultate / Zeit

Und die sei ihm oder ihr auch gegönnt. "Mensch, das Projekt haben Sie mit diesem brillanten Einfall gerettet, Frau Maier. Und das haben Sie in nur einer Woche umgesetzt! Großartig." -- "Die Lösung haben sie ausgezeichnet umgesetzt, mein lieber Student. Was sie da von letzter Woche bis heute hinbekommen haben, verbessert nun eindeutig die Qualität unserer Ergebnisse."

Und was ist mit dem Low-Performer? Sie sind ganz Mensch, wir mögen einem Menschen nicht ins Gesicht sagen, dass die Ergebnisse mager sind. Er oder sie weiß das vermutlich selber und gibt es sogar zu. "Herr Professor, ich weiß, da ist nicht so viel bei rumgekommen. Es sieht ja fast danach aus als hätte ich nichts getan. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Ich habe viel im Internet recherchiert, gelesen, Sachen ausprobiert und -- ja, da habe ich mich verrannt. Aber ich habe was rausgekriegt. Ich war enorm fleißig. Ich habe das sogar protokolliert, was ich alles gemacht habe. Gucken Sie mal, selbst übers Wochenende habe ich gearbeitet. Ich war ungemein fleißig." Und da haben wir's, der Studierende, der Mitarbeiter möchte für seinen Fleiß entlohnt werden.

Fleiß = Resultate x Zeit

Das ist nicht von der Hand zu weisen. Fleiß kann man ihm/ihr nicht absprechen. Also zeigen Sie Anerkennung und liefern eine Entschuldigung gleich mit: "Da haben sie aber wirklich viel getan. Hm, vielleicht war die Aufgabe auch ein wenig zu schwierig. Das habe ich nicht vorausgesehen. Und sie haben Biss gezeigt, das gefällt mir."

Es liegt in unserer menschlichen Natur. Wir wollen einem Mitmenschen nicht jegliche Anerkennung verweigern. So loben wir, was zu loben bleibt. Beim einen die Effizienz, beim anderen den Fleiß. Und so wird der High-Performer zum Effzienten und der Low-Performer zum Fleißigen. Mit der begrifflichen Verschiebung ist der Gerechtigkeit Genüge getan. Es geht nicht mehr um die Performanz, es geht um Effiziente und Fleißige.

Ist die Beurteilung der Performanz einmal aufgehoben, so werden Effizienz und Fleiß zu gleichwertigen Währungen. Zwei Effekte brechen sich nun Bahn:
  1. die Grenzziehung verschärft sich,
  2. während die Anerkennung gleichzeitig versucht, die Grenzen aufzuweichen

Nehmen wir den Effizienten. Der Effiziente wird die Fleiß-Formel in die Effizienz-Formel einsetzen und zu dem Ergebnis kommen:

Effizienz = Resultate / Zeit = Fleiß / Zeit^2

Bei gleichem Fleiß, so sieht es der Effiziente, zeigt sich seine Effizienz überdeutlich, die des Fleißigen fällt nämlich umgekehrt quadratisch mit der Zeit.

Was der Effiziente verargumentieren kann, das kann der Fleißige ebenso. Die Effizienz-Formel in die Fleiß-Formel eingesetzt zeigt doch eindeutig, dass -- gleiche Effizienz vorausgesetzt -- der Fleißige "quadratisch" fleißiger als der Effiziente ist.

Fleiß = Resultate x Zeit = Effizienz * Zeit^2

Diese unselige Verschmelzung zweier Sichten zeigt, wie sich die Perspektiven in der Selbstwahrnehmung übersteigert bestätigt finden und vom anderen klar abgrenzen. Und das nur, weil man jedem Anerkennung zollen wollte!

Da dieser Missstand vom Management bzw. Anerkennung spendenden Menschen erkannt wird, kommt es zu paradoxen Botschaften, in dem Bestreben ausgleichen wirken zu wollen. Zum Effizienten heißt es etwa: "Wow, da haben sie ja Wahnsinniges in kurzer Zeit geschafft. Da sie diese Woche noch Zeit haben. Könnten sie sich noch um die Organisation der Tagung kümmern, das hat nämlich bislang niemand Zeit für gehabt." Sprich, der Effiziente soll zum fleißigen Effizienten werden. Übrig gebliebene Zeit ist mit Arbeit zu füllen. Vermutlich der Arbeit, die die Fleißigen nicht hinbekommen, knirscht es beim Effizienten.

Und der Fleißige bekommt die Botschaft: "Da waren Sie aber fleißig und haben viel Zeit für gebraucht. Ich glaube, sie müssen etwas an ihrem Selbstmanagement verbessern. Ich schicke sie da mal auf einen Kurs. Und so sehr ich ihre Arbeit schätze, das hier muss noch unbedingt fertig werden, wir brauchen das für den Kunden. Machen sie das über das Wochenende noch." Der Fleißige soll zum effizienten Fleißgen werden. Er macht Überstunden und sieht den Effizienten wieder zeitig ins Wochenende gehen. Kann der nicht mal aushelfen, wenn es an allen Ecken und Enden eng wird?   

Das kann nicht gut gehen! Die Management-Situation löst nichts.

Was war doch gleich schief gelaufen? In der Ausgangssituation haben wir eine klare Einteilung in High-Performer und Low-Performer, die sich an den Resultaten orientiert. Das menschliche Bedürfnis, jedem auf seine Weise Anerkennung zu zollen, macht plötzlich Effizienz und Fleiß zu gleichwertigen Anteilen, die unauflösbare Probleme generieren. Wir sitzen in der Anerkennungsfalle. Plötzlich bekommt Maier einen Bonus, weil er so effizient ist, und Müller, weil er so fleißig ist. Und Student A eine 1.0 für seine effiziente Bearbeitung des Themas und Student B eine 1.0, weil er/sie sich wirklich viel Mühe gegeben hat.

Menschlich ist das alles verständlich. Gerecht ist es nicht, wirtschaftlich ist es nicht, Bildung bringt es nicht voran. Es ist, um es mit den Worten von Gunter Dueck zu sagen, "schwarmdumm".




Samstag, Dezember 13, 2014

Tipps zum OOP-Studium


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Tipps zum OOP-Studium

(Anmerkung: Der Text ist derzeit als kommentierbares Google-Doc verfügbar.)


Das Studieren ist nicht leicht. Man muss viel Stoff in kurzer Zeit verarbeiten und einiges an Zeit dafür aufwenden. Und manchmal muss man so einiges an Frustrationen aushalten. Ein Student erzählt mir im Praktikum:


“Ich habe Space Invaders in Processing programmiert. Insgesamt 16 Stunden habe ich daran in den letzten Tagen gearbeitet. Das hat mit total Spaß gemacht. Und jetzt sitze ich vor dem Aufgabenblatt und weiß nicht, wie ich an die Aufgabe herangehen soll. Ich glaube, den nächsten Test werde ich nicht schaffen.”


Das erinnert mich an meinen Studienanfang. Für die meisten Fächer war ich leicht zu begeistern. Ich las viele Bücher und programmierte. Die Aufgaben aus den Übungen fand ich wenig spannend. Vor den Prüfungen kam ich mir bestens vorbereitet vor. Schließlich hatte ich mich mit viel komplizierteren und anspruchsvolleren Aspekten des Studienfachs beschäftigt. Dass ich anschließend mit Pauken und Trompeten durch meine ersten Klausuren fiel, war eine lehrreiche Erfahrung.


  • Die Begeisterung für ein Fach, wie z.B. für die Programmierung, ist etwas gänzlich anderes, als die Fähigkeit, eine Prüfung zu bestehen.
  • Ich habe mich nicht wirklich darum gekümmert, was man in einer Klausur von mir will, welche Art von Wissen und Können man von mir erwartet.


Mich hat es ein halbes Studium gekostet herauszufinden, was ich aus diesen Einsichten für Lehren ziehen sollte. Als die Erkenntnisse so langsam reiften, lief es in meinem Studium besser und besser. Aber erst mit meinem zweiten Studium hatte ich den Bogen wirklich raus. Es gibt zwar keine Abkürzung zu einem Bachelor- oder Mastergrad. Aber die Zeit und die Energie, die man einfließen lässt, kann man bündeln und effektiv gestalten.


Mit den sechs folgenden Tipps und Vorschlägen möchte ich Ihnen ein paar Hilfestellungen geben, wie Sie effektiv und zielgerichtet studieren können. Vielleicht haben Sie danach eine Idee, wie das Studieren auch anders gehen könnte.


1. Tipp: Kenne Deinen „Feind”! – Finde genau heraus, was man in einer Prüfung von Dir erwartet



Mit dem Eintritt in die Hochschule sind Sie Student bzw. Studentin geworden. Sie studieren. Über Ihren tatsächlichen Beruf sagt das wenig aus. In Wirklichkeit sind Sie professionelle Lernerin bzw. professioneller Lerner geworden, die/der Prüfungen erfolgreich besteht. Das Studienfach schränkt nur ein, was Sie lernen und welche Prüfungen Sie ablegen.


Wenn Sie für sich akzeptieren, dass das Studieren Ihr Beruf ist, dann müssen Sie Ihr Studium nicht einmal besonders mögen. Manchmal habe ich fast den Eindruck, dass eine distanzierte, nüchterne Haltung zum Studium einen professioneller sein lässt. Man wägt besser ab, geht strategischer an die Sache ran.


Wenn Sie das Studieren als Ihre Profession verstehen, als Ihren Beruf, dann sollte auch das gelten, was in jedem Beruf gilt: Sie sollten wissen, auf welches Ziel Sie hinarbeiten. Klar, Sie wollen einen Studienabschluss. Das ist das Fernziel. Doch wie kommt man dahin?


Die Prüfungsordnung zusammen mit den Modulbeschreibungen sagen es ganz klar: Sie müssen eine Reihe von Prüfungen bestehen. Nach einem bestimmten Rechenverfahren bestimmt sich aus den Einzelnoten Ihre Abschlussnote. So einfach ist das! (Ich lasse hier schriftliche Ausarbeitungen außen vor; aber im Grunde ist auch das nur eine spezielle Prüfungsform.)


Und wie besteht man Prüfungen? Indem man in die Vorlesung geht? Mitnichten. Das steht auch so nicht in der Prüfungsordnung. Prüfungen besteht man, indem man auf die Prüfung vorbereitet ist, zur Prüfung hingeht und sie ablegt. Oberste Priorität hat es, herauszufinden, was die Prüfung wie von einem verlangt und was man dafür können muss. Je nach Notenwunsch ist herauszukriegen, welches Anspruchsniveau dabei erreicht werden muss.


Mit diesem Ansatz sind ganz andere Fragen wichtig: Wo bekomme ich alte Klausuren her? Was ist in mündlichen Prüfungen von dem und dem Prüfer gefragt worden? Gibt es Lieblingsfragen? Wie stellt er oder sie Aufgaben oder Fragen, und wie muss ich diese Aufgaben oder Fragen verstehen? Was möchte er oder sie in meinen Antworten hören oder lesen. Sind ihm oder ihr Herleitungswege wichtig?


Bisweilen müssen Sie sich in eine Vorlesung oder Übung setzen, weil Anwesenheitspflicht gefordert ist. Manchmal wird erst über Tests die Klausurzulassung erlangt. Gut, dann sind das Prüfungsanteile, die dazu kommen. Immer gilt es die Frage zu stellen: Ist das, was ich da höre, erfahre, lese, erlerne, ausprobiere – ist das prüfungsrelevant?


Vielen Dozent(inn)en gefällt diese prüfungsorientierte Sicht gar nicht. Ein Studium sei mehr als Prüfungen. Das ist wohl wahr – fraglos lernen Sie in den verschiedensten Veranstaltungen durchaus mehr als für die Prüfung. Das ändert nichts daran, dass Sie schlussendlich geprüft werden. So will es eben die Prüfungsordnung, die den Verlauf Ihres Studiums regelt.


Ich möchte Ihnen keinesfalls ausreden, sich studentisch zu engagieren, im ASTA, in der Fachschaft oder im Studierendenparlament. Oder ein Auslandssemester zu machen. Ganz im Gegenteil. Das ist alles gut und wichtig und prägend für Ihr Leben. Allerdings, wenn es um Prüfungen geht, dann sollten Sie prüfungsorientiert daran gehen. Schließlich haben Sie viel zu tun. Und Sie sind ein Profi, ein Studierprofi. Wer fünf, sechs oder gar sieben Fächer in einem Semester erfolgreich bestehen will, der hat keine Zeit zu verschwenden.


Der Besuch einer Vorlesung oder einer Übung ist keinesfalls verwerflich. Nur wenn Sie dafür Ihre Lebens- und damit letztlich auch Ihre Studierzeit hergeben, dann sollten Sie wissen, warum Sie das tun, und effizient mitarbeiten.


2. Tipp: Nichtwissen, Nichtverstehen, Nichtkönnen sind Ihr größtes Entwicklungspotenzial



Ich sehe viele Studierende, die verstehen das Studieren als ein Abarbeiten von Terminen. OOP-Vorlesung besuchen. Abgehakt. OOP-Übung besuchen. Abgehakt. Im OOP-Praktikum die Aufgaben lösen. Fertig. War eine anstrengende Woche. Irgendwie viel gelernt in OOP, aber auch nicht viel geschafft in OOP. In anderen Fächern läuft es ganz ähnlich.


Darf ich es Ihnen mal so deutlich sagen? Das fühlt sich zwar an wie Studieren, es ist aber kein Studieren. Damit will ich nicht sagen, Sie hätten nicht zu meinen Veranstaltungen und dem Praktikum kommen sollen. Ich freue mich, wenn Sie da sind. Mir fällt immer wieder nur eines auf: Sie tun in der Zeit, wenn Sie bei mir im Hörsaal sitzen, am allerwenigsten von uns beiden. Es ist nicht erkenntlich, dass Sie gerade studieren. Auch wenn Sie im Praktikum an den Aufgaben programmiert haben, dann sehe ich Sie oft ohne eine einzige Lehre oder Erkenntnis aus dem Raum laufen!


Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Im Praktikum haben wir Ihnen in einer Aufgabe Programmcode vorgesetzt, in dem Fehler versteckt waren. Einfache Fehler und auch ein paar schwierigere Fehler. Den einen oder anderen Fehler haben Sie entdeckt und auf dem Zettel markiert. Weil es doch schneller geht und Sie irgendwie unsicher sind, ob da noch mehr Fehler sind, tippen Sie das Programm ab und suchen mit der Entwicklungsumgebung nach weiteren Fehlern. Wenn das geschafft ist und das Programm frei von Fehlern ist, sehe ich Sie gedanklich einen Haken an die Aufgabe machen. Und es geht an die nächste Aufgabe.


Sie haben sich mit diesem Vorgehen um wertvolle Erkenntnisse gebracht! Sie schöpfen die Sahne von einer Übungsaufgabe nicht ab. Die Sahne ist nicht nur lecker, sondern sie hat viele Nährstoffe reich an Denkvitaminen und Wissensstoffen – und das zur Verköstigung ist kürzester Zeit.


Jeder Test, jede Aufgabe, jede Übung ist ein wunderbares Analyseinstrument Ihres aktuellen Wissensstands. Markieren Sie sich das, was Sie wissen. Nehmen Sie Gekonntes als Motivationsspritze für den zweiten Teil: die kritische Auseinandersetzung mit dem, was Sie übersehen, nicht gewusst oder nicht gekonnt haben. Da wird es spannend. Als Lernender, als Studentin oder Student ist das der Normalzustand. Sie studieren genau aus diesem Grund: weil Sie eben vieles noch nicht können und noch nicht wissen.


In dem Nichtwissen, in dem Nichtkönnen liegt Ihr Entwicklungspotenzial, Ihre Chance, Ihr Studieren. Seien Sie unerbittlich: Markieren Sie in gelb jeden Fehler, den Sie übersehen haben. Schreiben Sie sich dazu, wie man diesen Fehler hätte bemerken können. Oder bei einer Programmieraufgabe: Was hat der Sitznachbar, die Sitznachbarin so wunderbar hingekriegt, woran Sie sich eben zehn Minuten lang die Zähne ausgebissen haben? Wieso sind Sie selber nicht darauf gekommen? Haben Sie ein Programmkonstrukt nicht gekannt oder noch nicht verstanden? Gibt es ein wiederkehrendes Schema, das Sie sich merken können?


Wenn Sie sich solche Fragen stellen und die Antworten dazu notieren, dann beginnen Sie wirklich zu studieren. Das ist der Turbo, der Sie in kurzer Zeit an die Spitze Ihres Könnens und Ihrer Fähigkeiten beschleunigt. Dann macht das Studieren Spaß, weil Sie regelrecht spüren, wie die Beschleunigung Sie in den Sessel drückt. Sie merken, Sie kommen voran.


Wenn Sie geschickt sind, machen Sie diese Selbstanalyse noch im Hörsaal oder Seminarraum. Wenn Sie die Analyse gleich in eine Form bringen, die zum Lernen geeignet ist (dazu später ein paar Anregungen), dann haben Sie die Zeit effizient genutzt. Dann haben Sie tatsächlich studiert. Sie haben Aufgaben, Probleme und Punkte, die Sie zu hause recherchieren, klären oder in Ihrer Lerngruppe besprechen. Ihr Lernen und Studieren bekommt eine Struktur, und Sie können das Ziel, eine bestandene Prüfung mit Wunschnote, viel besser planen und angehen.


3. Tipp: Nutze die Zeit, die Du in der Hochschule bist



Ich erlebe Studierende oft aufmerksam zuhörend in meiner Vorlesung. Die meisten versuchen mir zu folgen, mitzudenken, zu verstehen. Hin und wieder ernte ich nickende Köpfe. Als wollte man mir sagen: „Ja, verstanden, ist klar.” Ich nehme das als Zeichen weiterzumachen.


So geht es 90 Minuten. Wenn ich gut bin, habe ich die ganze Zeit über die Aufmerksamkeit meiner Zuhörer. Dann habe ich, aus meiner Sicht, einen guten Job gemacht.


Wenn Sie den Hörsaal verlassen, ist die Zeit der größte Feind. Legt man die Vergessenskurve von Ebbinghaus zugrunde, werden nach 20 Minuten nur noch 60\% des Vorlesungsinhalts erinnert, nach einer Stunde sind es gerade noch 45\%, nach einem Tag 34\%. Zur nächsten Vorlesung, eine Woche später, ist es realistisch, von einer Erinnerung um die 20\% auszugehen. Das ist nicht gerade viel.


Eine Vorlesung ist erschreckend unergiebig, sie ist im Grunde verschenkte Lebenszeit – wenn es eine einseitige Angelegenheit bleibt. Mit meinem Edutainment im Hörsaal (ein Kunstwort aus Education und Entertainment) unternehme ich den Versuch, eine Flasche mit Wissen zu füllen. Es ist die Natur des menschlichen Gedächtnisses, dass die Flasche arg löchrig ist. Das gleiche gilt übrigens, wenn Sie sich eine Vorlesung als Video anschauen. Mit dem kleinen Unterschied: Die Flasche lässt sich immer neu auffüllen. An den Löchern ändert das nichts.


Wenn Sie sich nicht umgehend um die Stopfung der Löcher kümmern, dann bleibt vom Edutainment nur noch das Entertainment übrig. Dann haben wir vielleicht eine schöne Zeit im Hörsaal gehabt, aber der einzige, der etwas gelernt hat, bin ich. Ich habe immerhin mein Wissen aktiv reproduziert und wiederholt. Es hilft mir, den Stoff noch besser zu beherrschen.


Wie können Sie die Löcher stopfen?


Unser Gedächtnis vergißt schnell und viel, was es nicht für absolut relevant und wichtig erachtet. Das erste, was Sie tun können, ist, sich während der Vorlesung oder Übung Notizen und Anmerkungen zu machen. Dann ist das Ausmaß des Vergessens begrenzt, Sie können das Gehörte wieder hervorholen.


Der Witz ist aber eine Informationsverdichtung. Wer alles mitschreibt, verpasst den Inhalt. In der Vorlesung redet man viel. Das ist nicht unnötiges Gebrabbel. Das Gesagte stellt Zusammenhänge her, es gibt Beispiele, es erläutert ein und denselben Sachverhalt auf verschiedene Weise, es wiederholt. Das ist die Art, wie wir Menschen uns Dinge mitteilen, wie wir uns Wichtiges hervorheben, wie wir uns verständlich machen wollen. Sie kennen das: Wenn Ihnen in geselliger Runde ein kleines Ereignis z.B. aus dem Urlaub erzählt wird, kann das ein abendfüllender Programmpunkt werden. Menschen lieben es, sich ein und dasselbe mehrfach zu erzählen, mal mehr mal weniger ausgeschmückt, mal aus der, mal aus jener Perspektive.


Wenn eine Botschaft während der Vorlesung bei Ihnen ankommt, wenn Sie verstanden haben, dann ist das Konzentrat wichtig: Was nehmen Sie mit? Was war der entscheidende, wichtige Punkt? Gibt es ein Prinzip, was es sich zu merken gilt. Wie ist das Prinzip, die Idee begründet worden? Wie sieht die Herleitung aus? Was ist daran so toll, was so wertvoll? – Bleistift und Papier sind dann meist die besten Werkzeuge, um die Erkenntnis, das Verstandene, das Neue festzuhalten.


Auch wenn Sie etwas nicht verstehen, dann ist das nicht weniger wichtig, das festzuhalten. Dann haben Sie einen offenen Punkt, eine Baustelle. Da will etwas geklärt werden. Wenn Sie vergessen, was Sie nicht verstanden haben, dann lassen Sie den Zufall bestimmen, wann Sie das Unverständnis kalt erwischt.


Das Verdichten und Festhalten von Wissen ist eines. Sie helfen damit Ihrem Gedächtnis, Informationen zu behalten, die es ansonsten in kürzester Zeit vergessen hätte. Das allein reicht nicht. Damit haben Sie das Gehörte lediglich auf Papier gebracht oder auf Ihrem Rechner abgelegt. Das war der erste Schritt, der Vergessenkurve etwas entgegenzusetzen.


Das Wissen muss in Ihren Kopf. Und dazu gibt es ein paar Techniken.


4. Tipp: Wiederholtes, aktives, prüforientiertes Lernen ist die effektivste Lernmethode, die es gibt.



Im Film „Die Matrix” schaut die Hauptfigur Neo auf den vor ihm stehenden Hubschauber und fragt seine Begleiterin Trinity: „Can you fly that thing?” – „Not yet!”, antwortet sie, holt ihr Telefon hervor und fordert einen Upload in ihr Gehirn an. Momente später ist sie die perfekte Pilotin.


Schön wäre es, wenn man so leicht etwas lernen könnte. Beneiden könnte man auch die Geistesgiganten, die Savants, die sich so mühelos Telefonbücher, Enzyklopädien, Zahlenreihen oder Bilder einprägen können. Diese Menschen zahlen einen hohen Preis für diese Fähigkeit. Sie können die auf sie einprasselnden Informationen kaum filtern. Sie sehen sich einer Flut an Wahrnehmungsreizen und Details ausgesetzt, die ihnen ein normales gesellschaftliches Leben fast unmöglich macht.


Es ist also normal zu vergessen. Das Filtern und Aussortieren von unwichtigen Dingen ist eine Eigenschaft unseres Gehirns. Wenn allerdings etwas interessant und von Bedeutung ist, dann ist das die Anziehungskraft, die Informationen im Gedächtnis einfängt und – wenn Interesse und Bedeutung bestehen bleiben – bleibend verhaftet.


Es gibt ein paar einfache Prinzipien, Wissen im Gedächtnis zu verankern


  • Knüpfe neues Wissen an bekanntes Wissen an – so wird das Neue wichtiger und bedeutsamer
  • Mache das zu Lernende interessant – und es wird sich wie von selbst im Gedächtnis einnisten
  • Wiederhole das zu Lernende – prüforientierte Wiederholungstechniken sind an Effizienz nicht zu überbieten

Was weiß ich schon?



Ein gute Dozentin bzw. ein guter Dozent hilft Ihnen dabei, neue Vorlesungsinhalte zu verstehen. Da werden Verbindungen hergestellt und Brücken geschlagen zu Dingen, die Sie schon wissen und verstanden haben (sollten). Metaphern, Analogien und Vergleiche sind genau der Versuch, das Neue mit dem Bekannten in Beziehung zu setzen.


Da das Lernen jedoch individuell ist und jedes Hirn anders tickt, müssen Sie selber herausfinden, ob die Anküpfungspunkte und Ankerhaken bei Ihnen greifen und hilfreich sind. Wenn Sie Anschlusslücken haben, dann müssen Sie selbst nacharbeiten oder andere, alternative Verbindungen an ihr bisheriges Wissen herstellen. Dank des Internets können Sie heutzutage mühelos jeden Wissensbroken nachschlagen, sich in Lehrvideos etwas erklären lassen oder in Diskussionsforen Fragen stellen.


Hier beißt sich übrigens die Katze in den Schwanz: Wer wenig lernt, hat wenig Anschlusspunkte, um neues Wissen in den Kontext des neu Gehörten, Gesehenen oder Erfahrenen zu stellen. Man merkt das sehr gut daran, dass einem eine Vorlesung oder Übung anfängt davonzulaufen. Man kommt nicht mehr hinterher. Mit anderen Worten: man hat zu wenig getan. Vielleicht helfen Ihnen die zwei folgenden Punkte, leichter aufzuholen und aufzuschließen.

Nutzen Sie Mnemotechniken, Gedächtnistechniken.



Dr. Gunther Karsten war 2007 Gedächtnisweltmeister. Die Jahre davor belegte er drei Mal den zweiten und drei Mal den dritten Platz. Stellen Sie sich vor Ihrem geistigen Auge die folgende Szene vor: James Bond (007) braust mit seinem Auto (car) heran und bringt es mit einem Schleudermanöver knapp vor einem Siegerpodest zum Stehen (car-sten). Es bietet sich eine merkwürdige Szene: Auf Platz zwei und drei stehen zwei Gabeln (3 Zinken für die Zahl 3). Agent 007 (für das Jahr 2007) springt mit einem Satz auf den unbesetzten Platz 1, schraubt – und jetzt wird es widerlich – mit einem Schwung seine Schädeldecke ab, nimmt sein Hirn heraus und spießt es auf die Gabel von Platz 2. Dr. Karten wurde nämlich im Folgejahr 2008 noch einmal Zweiter unter den Gedächtniskünstlern.


Der Ekel, der sich einstellt, ist gewollt und provoziert. Sie wissen doch: Sex and Crime sells – das gilt auch für Ihr Gedächtnis. Sowas findet Ihr Gehirn nämlich brandspannend und interessant. Diese Geschichte müssen Sie sich nur noch ein, zwei Mal bewusst abrufen (sagen wir heute und morgen), dann werden Sie für lange Zeit nicht mehr vergessen, dass ein Herr Karsten (car-stehen) 2007 (Agent 007) Gedächtnisweltmeister wurde, zuvor schon dreimal (die Gabeln) Platz zwei und drei inne hatte und im Folgejahr noch einmal den zweiten Platz belegte (Hirn auf Gabel Platz Nr. 2 aufspießen).


Es kostet Zeit, sich nette, absurde Geschichten auszudenken. Das kann und sollte aber auch Spaß machen. Der Gedächtniseffekt ist bemerkenswert. Auf diese Weise merkt man sich langfristig unglaublich viele Dinge mit nur ein, zwei Wiederholungen. Effizienter geht es kaum. Die deutsche Wikipedia liefert Ihnen unter dem Stichwort „Mnemotechnik” einen ersten Einstieg in die Welt der Tricks der Gedächtniskünstler.


Sie müssen selber herausfinden, welches Wissen Sie gerne mit Hilfe von Mnemotechniken in Ihrem Gehirn verankern möchten. Es lohnt sich. Wenn Sie diese Techniken eine Weile praktizieren, werden andere irgendwann neidisch darauf sein, wie leicht Sie sich an vieles erinnern – und das noch nach ein, zwei Semestern. So ein Gedächtnis hätte jeder gerne! Tatsache ist: So ein Gedächtnis hat jeder! Wenn die Erinnerungstechnik stimmt.

Wende prüforientierte Wiederholungstechniken an



Mnemotechniken sind großartig, aber nicht jede Art von Lernstoff und Wissen ist dafür geeignet. Zum Beispiel müssen beim Erlernen einer Fremdsprache die Vokabeln ohne Umschweife, fast reflexartig zur Verfügung stehen. Es dauert zu lange, Wörter anhand kurzer „Filme im Kopf” abzurufen. Ähnliches gilt für die Sprachkonstrukte und Programmier-Schemata einer Programmiersprache.


Sie wissen sehr gut aus der Schule, wie Sie Vokabeln gelernt haben: durch Wiederholung. Und zwar wiederholen Sie die Vokabeln so lange, bis sie sich ohne großes Nachdenken an sie erinnern. Diese Strategie haben Sie in ähnlicher Form vermutlich schon oft angewendet: Sie lesen mehrfach ihre Mitschriften oder das Vorlesungsmanuskript oder ein Lehrbuch, solange bis Sie das Gefühl haben, den Stoff zu beherrschen. Diese Lernmethode ist weit verbreitet und viele Studierende halten das für eine effektive Lernform – das hat die Lernforschung herausgefunden. Das verteufelte daran ist: Da das wiederholte Lesen zunehmend leichtgängiger wird, stellt sich eine sogenannte Kompetenzillusion ein: Die Studierenden glauben, Sie hätten den Stoff nun im Griff und gut gelernt. Wenn es dann in der Prüfung nicht läuft wie geplant, wird die Schwere der Prüfung und die Aufgabenstellung bemängelt, jedoch nicht die Lernstrategie hinterfragt.


Die Lernforschung verrät uns auch, dass es eine wirkungsvollere Lernstrategie ist, den Lernstoff wiederholt frageorientiert abzuprüfen und zu erinnern – das wird in der Fachliteratur als Retrieval-Based Learning bezeichnet.


Die Idee ist einfach und könnte wie folgt umgesetzt werden: Zerlegen Sie den Stoff in kleine, leicht verdauliche Einheiten. Wir sprachen schon im Zusammenhang mit dem Vorlesungsbesuch davon, dass es sinnvoll ist, das Gehörte und Gelernte kompakt zusammen zu fassen. Das dient dazu, den Stoff zu verarbeiten und gegen das Vergessen anzugehen. Wenn Sie nun eine Karte zu Hilfe nehmen: Schreiben Sie auf die Vorderseite eine Frage oder eine Aufforderung oder Aufgabe, die zu dem Wissensbaustein passt. Auf die Rückseite schreiben Sie die Antwort oder das Ergebnis. Mit diesem Schritt haben Sie einen Wissensbaustein transformiert in eine Lerneinheit. Und das können Sie oft noch während der Vorlesung, der Übung, dem Seminar oder dem Praktikum erledigen!


Dieser Punkt ist entscheidend: Was eben noch eine Wissenseinheit auf Paper war, ist mit der Übertragung auf eine Karte und der Frage zu einer Lerneinheit geworden. Mehrere solcher Lernkarten bilden ein Lern-Quizz.


Mit diesen Lernkarten können Sie sehr effizient regelmäßig Ihren Wissenstand abfragen und durch die Wiederholung einprägen. Was gut sitzt, darf eine Weile zurückgestellt werden. Sie kennen vielleicht die Lernkastensysteme wie sie gerne für das Vokabellernen eingesetzt werden. Ob Sie nun Vokabeln oder Lerneinheiten abfragen, das System ist für alle Arten des Wissenserwerbs und der Wissensfestigung einsetzbar.


Wie die Lernforschung auch festgestellt hat, halten viele Studierende diese Lernkartentechnik und die Quizzes für stumpfes Auswendiglernen. Das ist nicht ganz verkehrt – aber nur die halbe Wahrheit. Das wiederholte, aktive Abrufen von Wissen fördert außerdem die Entwicklung von Verständnis. Jeder Abrufvorgang triggert Erinnerungspfade an, die regelrecht auf der Suche nach Sinnzusammenhängen sind. Verknüpfungen werden hergestellt. So kann es sein, dass Sie zu Anfang des Lernens sagen: „Uff, was muss ich alles auswendig lernen.” Und nach der fünften Wiederholung plötzlich feststellen: „Interessant, ich beginne zu verstehen.”


Das aktive Einprägen und Abfragen von Lernstoff ist nicht auf Lernkarten beschränkt. Sie können sich in Ihrer Lerngruppe gegenseitig Fragen stellen, das hat einen ähnlichen Effekt. Wichtig ist die Wiederholung und die Frage oder Aufforderung, die aktiv ein Erinnern erfordert. Das wiederholte Lesen von Notizen ist zu passiv. Viele der Vorschläge im nächsten Kapitel sind eine Variante davon: Wiederholte, aktiv eingeforderte Erinnerung. Das übt und trainiert und macht gut. Sehr gut sogar.


5. Tipp: Kenne Dich selbst und schaffe Dir ein Lernumfeld, dass es Dir so leicht und interessant macht wie möglich, dass Du tatsächlich lernst



Nach einiger Zeit des Studiums wusste ich ziemlich genau, wo ich am wenigsten gut lernen konnte: daheim in meinem Studentenzimmer. Es gab einfach zu viele Ablenkungen. Mein Computer, das Telefon, die Mitbewohner, der Kühlschrank. Also suchte ich mir eine Bibliothek, und zwar die langweiligste Bibliothek überhaupt, gefüllt mit Büchern, die mich nicht interessieren, und einen Platz, wohin sich nur wenige Studierende verlieren. In einer derart reizarmen Umgebung wurde mein Ordner mit den Prüfungsvorbereitungen plötzlich zu einer willkommenen Abwechslung. Kein Anruf, kein Computerspiel, kein Mitbewohner, der mal eben den Kopf durch die Tür steckt, kein Kühlschrank mit leckeren Joghurts – nichts, was mich hätte von meiner Mission ablenken können. Gelegentlich saß ich da und träumte vor mich hin, aber spätestens nach 10 Minuten war der Versuch, die nächste Aufgabe zu lösen, dann doch wieder die interessantere Unternehmung.


Jeder Mensch ist anders. Für mich ist der „Trick mit der Bibliothek” das Richtige gewesen. Vielleicht lernen Sie am liebsten in den eigenen vier Wänden. Oder dann, wenn Hund oder Katze Ihnen wärmend auf den Füßen liegen und man das Aufstehen nicht wagt. Oder Sie brauchen eine Lerngruppe, die Ihnen den Anstoß gibt sich zu strukturieren, wo man diskutieren kann und Hilfe bekommt, wenn man mit irgendetwas nicht zurecht kommt.


Entscheidend ist, dass Sie sich ein Umfeld zum Lernen schaffen. Es ist hart und macht das Lernen unnötig schwer, wenn man das sicher interessantere Gespräch mit der Freundin ablehnen muss. Wenn man den Leckereien im Kühlschrank widerstehen muss. Oder wenn man dem Internet und dem unendlichen Quell hochspannender Nachrichten aus sozialen Medien ausweichen muss. Mit Disziplin alleine ist es nicht getan. Jede Entscheidung gegen etwas kostet Energie, Zeit und Nerven, die einem für das Lernen fehlen. Mit all diesen Ablenkungen schrumpft eine geplante Lernzeit von vier Stunden rasch auf eine halbe Stunde zusammen. Und am Ende plagt einen das schlechte Gewissen, dass man eigentlich hätte mehr lernen sollen.


Es ist viel, viel leichter, sich in ein Lernabenteuer zu stürzen, wenn man sich aus der Schußlinie aller erdenklichen Ablenkungen gebracht hat. Das kann der einsame Ort einer Bibliothek sein.


Oder, und das ist die Alternative, man kommt mit Leuten zusammen, die das gleiche Anliegen haben. Wo man sich in der Gruppe fokussiert, wo man sich gegenseitig davon abhält, etwas anderes zu tun, als die geplante Lernzeit auch zu lernen. Wo man sich gegenseitig hilft, wo das Lernen von spannenden, anderen Sichtweisen und Lerntechniken geprägt ist. Mit den richtigen Leuten lernt es sich besser als einsam in der Bibliothek. Wir Menschen sind soziale Wesen. Es fühlt sich gut an, eine Herausforderung gemeinsam mit anderen zu meistern.


6. Tipp: Vorschläge zum Lernen im Team



Es gibt viele schöne Arten, wie man das Lernen mit einem oder mehr Studienkolleg(inn)en abwechslungsreich und interessant gestalten kann. Ein paar Vorschläge mit Bezug zur OOP-Veranstaltung:

Syntaktische Probleme



Wenn Sie ungenau bei syntaktischen Feinheiten sind (Sie vergessen z.B. immer wieder das Semikolon oder die schließende zu einer öffnenden Klammer), dann mag Ihnen Folgendes helfen: Schreiben Sie kleinere Programme auf Papier. Nehmen Sie dazu einfache Programmieraufgaben, die Sie aus dem Kopf nachprogrammieren. Ein Studienkollege bzw. eine Studienkollegin schaut Ihnen dabei zu und meldet sich sofort, sobald Sie den Fehler machen. Direktes Feedback hilft sehr gut, sich ein Korrekturverhalten anzutrainieren.

Verständnis eines Sprachkonstrukts



Lassen Sie sich in Ihrer Lerngruppe 10 Aufgaben geben, in denen das Sprachkonstrukt (z.B. die for-Schleife) verwendet werden soll. Wenn Sie alleine arbeiten: Suchen Sie sich Code-Beispiele raus (etwa per Google-Suche), in denen das Sprachkonstrukt verwendet wird. Schauen Sie sich das Programm an, lassen Sie es laufen und versuchen Sie, sich das Verhalten des Sprachkonstrukts zu erklären.

Unsicherheit in der Verwendung eines Sprachkonstrukts



Machen Sie sich Lernkarten. Auf der Vorderseite fragen Sie beispielsweise: „Wie sieht der schematische Aufbau einer for-Anweisung aus?”. Auf die Rückseite kommt das Schema und zusätzlich ein Beispiel. Legen Sie fest, wann Sie die Lernkarten lernen wollen. Sie können dafür Pausen oder Zeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln nutzen.

Prüfsimulation



Sie nehmen Sich eine Aufgabe aus der Übung oder dem Praktikum vor, die Sie bereits gelöst haben. Sie geben sich 20 Minuten, das Programm auf Papier zu entwickeln. Nach 20 Minuten brechen Sie ab, egal, wie weit Sie gekommen sind. (Sie müssen ein Zeitgefühl entwickeln.) Anschließend geben Sie das Programm in der PDE ein. Sie markieren sich Fehler und Probleme, die Sie hatten. Sie wiederholen das täglich, bis Sie die Zeit einhalten und nur noch maximal einen Fehler machen.

Programmverständnis I



Erklären Sie einem Studienkollegen bzw. einer Studienkollegin, was ein Programm aus der Übung oder dem Praktikum macht; Zeile für Zeile.

Programmverständnis II



Drucken Sie sich den Quellcode eines Ihnen unbekannten Programms aus. (In der PDE gibt es einen Verweis auf zahlreiche Beispiele.) Das Programm sollte etwa 100 Zeilen umfassen und keinesfalls 200 Zeilen überschreiten. Versuchen Sie detailliert vorherzusagen, was das Programm tun wird. Erst wenn Sie absolute Klarheit haben oder nicht Weiterkommen, lassen Sie das Programm in der PDE laufen. Notieren Sie sich Irrtum, Missverständnisse etc. Machen Sie daraus eventuell Lernkarten.

Programmverständnis III



Setzen Sie sich zu zweit an einen Rechner und programmieren Sie gemeinsam an einer Aufgabe. Nach jeder Programmzeile tauschen Sie die Tastatur. Fehler des Vorgängers dürfen korrigiert werden, wenn man an der Reihe ist. Es wird die ganze Zeit über nicht gesprochen. Eventuell darf man Kurzkommentare im Quellcode ergänzen.

Stresstraining



Programmieren Sie mit Ihrer Lerngruppe zeitgleich um die Wette. Nehmen Sie eine Programmieraufgabe aus den Übungen oder dem Praktikum. Oder denken Sie sich selbst Varianten oder neue Miniprojekte aus. Sieger ist, wer zuerst ein lauffähiges Programm erstellt. Analysieren Sie gemeinsam das Siegerprogramm und verbessern Sie es. Starten Sie den Wettbewerb mit der gleichen Aufgabe erneut, wobei der Sieger als Coach dem einen oder anderen kurz hilft, wenn er oder sie hängt.


Buchempfehlungen



Bevor Sie das eine oder andere Buch kaufen möchten, bedenken Sie bitte eines: Weder der Besitz eines Buches noch das Lesen eines Buches sind ein Garant dafür, dass sich irgendetwas an Ihrem Studium und Ihrem Studierverhalten ändert. Der Konsum von Büchern (wie Konsum überhaupt) ist nicht selten der Anfang eines Vorsatzes („Ich kümmere mich um meine Probleme!”), dem die Umsetzung fehlt. Sie haben in diesem Text genug Anregungen bekommen, die Sie sofort anwenden können. Dafür brauchen Sie keine Bücher. Mein Vorschlag ist: Erst wenn Sie drei, vier Wochen etwas umgesetzt haben, dann besorgen Sie sich das Buch. Dann wird das Buch zur Anregung und Bereicherung eines Projekts, das Sie bereits gestartet haben: professioneller zu studieren.

Schnell und gut studieren



Zwei Bücher hätte ich gerne zu Beginn meines Studiums gehabt. Leider gab es sie damals noch nicht.


Cal Newport hat während seines Studiums versucht herauszufinden, wie es sich besonders effizient studieren und lernen lässt ohne sich ausbrennen zu lassen und nächtelang zu lernen. Er hat die Erfolgstechniken anderer Top-Studierenden genommen, sie selbst angewendet und in dem Buch „How to Become a Straight-A Student” (frei übersetzt: Wie man ein Einser-Student wird) festgehalten. Auch sein Blog „Study Hacks” ist voll mit hilfreichen Ratschlägen. Mittlerweile ist Newport Professor für Informatik.


Wie man den Beruf des Studierens auf die Spitze treiben kann, das haben Robert Grünwald, Marcel Kopper und Marcel Pohl eindrucksvoll bewiesen. Sie haben es geschafft, ihren Bachelor und ihren Master in vier statt in elf Semestern abzuschließen. Ihr im Buch „Die Turbo-Studenten” (Gabal, 2013) dokumentiertes Studium ist für die Wenigsten zur Nachahmung geeignet. Die Drei haben sich ungewöhnlich viel abverlangt und profitierten von den verteilten Standorten der privaten FOM Hochschule. Lesenswert finde ich das Buch dennoch für jeden Studierenden, allein schon zur Selbstreflektion, was möglich ist.

Lerntipps



Der erwähnte Dr. Gunther Karsten (Sie erinnern sich: 007 kommt mit seinem Auto angebraust) hat einige Gedächtnistechniken und Lerntipps anschaulich und kurzweilig in seinem Buch „So lernen Sieger – Die 50 besten Lerntipps” (Wilhelm Goldmann Verlag, 2012) zusammengestellt. Auch die Psychologie des Lernens kommt nicht zu kurz.

Java



Im Studium hat man in manchen Fächern genug an Material und an Stoff zu verdauen und aufzuarbeiten. Da ist es kaum möglich, dicke Programmierbücher zu OOP oder zu Java zu lesen. Darum gefällt mir das Buch „Java: Der Grundkurs” (Galileo Computing, 2015) von Michael Kofler so gut. Es bietet in meinen Augen einen guten Mittelweg zwischen Nachschlagewerk und Einführung zu Java~8. Das Buch kommt im Taschenbuchformat daher und ist ein leichter Tagesbegleiter durch den Java-Programmieralltag eines Informatik-Studierenden, besonders, wenn Sie am Anfang Ihres Studiums stehen.


Zum Schluss



Es würde mich sehr freuen, wenn Sie diesen Text jetzt nicht einfach beiseite legten, sondern anfangen darüber nachzudenken, wie Sie Ihr OOP-Studium ändern wollen. Schreiben Sie sich auf, was Sie ändern möchten und wie Sie fortan diese Änderung in Ihrem Studienalltag einbauen wollen. Fangen Sie heute damit an. Dann lässt der Erfolg auch nicht auf sich warten!